Web 2.0 als Thema für die Kommunalpolitik 

Innovative Wege in die virtuelle Welt 

Die Einbindung von Web 2.0-Technologien und Community-Plattformen auf den kommunalen Internetseiten eröffnen neue Möglichkeiten der Bürgerbeteiligung in der virtuellen Welt von Städten und Gemeinden. Beispiele sind „Stadtwikis“, „Bürgerblogs“ oder Foto- bzw. Filmforen. Als Web 2.0 wird dabei das Internet der zweiten Generation bezeichnet. Es berührt alle Lebensbereiche: Menschen leben und arbeiten online, schaffen Mehrwerte durch Beziehungsnetze und nutzen neue Formen der Zusammenarbeit.

Andreas Huber, Managing Partner Public One - Governance Consulting

Die neueste Entwicklung im Internet heißt „Web 2.0“. Alternativ wird es als „Soziales Internet“ bezeichnet. Damit ist vorrangig eine besondere Einbindung der Nutzer gemeint, in welcher sie als unentgeltliche Informationslieferanten an der Erstellung der Internetangebote beteiligt sind („user-generated-content“). Das Web 2.0 bietet auch für die Kommunen und die Kommunalpolitik erhebliche Potenziale. Insbesondere die Entstehung einer neuen Öffentlichkeit und die aktive Einbindung der Öffentlichkeit in Arbeitsabläufe der kommunalen Behörden sind attraktiv.

Vom „Konsumenten“ zum „Prosumenten“ von Informationen

Je beliebter ein Web 2.0-Angebot ist, desto mehr Besucher werden angezogen und umso mehr Inhalte werden durch die Nutzer eingestellt. Dieses führt wiederum zu einer noch höheren Attraktivität des Angebotes und noch mehr Besuchern. Ein bekanntes Beispiel ist der von 47 Prozent aller deutschen Internetnutzer besuchte und benutzte Web-2.0-Dienst „Wikipedia“. Das dort mittlerweile angesammelte Wissen konkurriert durchaus mit altehrwürdigen Lexika und ist dabei noch kostenfrei. Darüber hinaus stellt es eine bisher ungekannte Form des Wissensmanagements dar, weil die Beiträge dezentralisiert eingestellt und in der gleichen Weise auf ihre Gültigkeit hin überprüft werden.

War es für den Gelegenheitsnutzer bisher noch mit großem Aufwand verbunden, beispielsweise eine eigene Homepage einzurichten und zu pflegen, so helfen vor allem soziale Netzwerkwebseiten, wie etwa das 2003 gegründete MySpace, mit einfach zu bedienenden Benutzeroberflächen persönliche Seiten zu erstellen und diese dank erhöhter Übertragungsraten unkompliziert mit Bildern, Videos und Ton anzureichern. Weitere rasant zunehmende Phänomene, die heute bereits zum Alltag gehören, sind der Austausch auch großer Datenmengen zwischen privaten Nutzern (Peer-To-Peer Filesharing),von beliebigen Nutzern editierbare Wissenssammlungen (Wikis)und die Bereitstellung von Pod- und Vodcasts (Audio- und Videoclips), aus denen sich der Nutzer sein persönliches Medienprogramm zusammenstellen kann.

Das Internet als Platz der Selbstdarstellung

Für die Präsentation von eigenem Medienmaterial gibt es Videoportale wie YouTube oder MySpace, die bereits von 34 Prozent aller Nutzer genutzt oder besucht werden, oder Fotoportale wie Picasa oder Flickr, die von 15 Prozent genutzt werden. Blogs sind so etwas wie öffentliche Tagebücher in Kladdenform. Sein Besitzer trägt in loser Folge ein, was er oder sie erlebt und für mitteilungswürdig erachtet. Zusätzlich kann er Dritte einladen, seine Texte zu kommentieren oder sogar eigene Beiträge zu verfassen. Gegenwärtig nutzen elf Prozent der deutschen User diese Web 2.0-Angebote. Bekanntgeworden ist „Bloggen“ durch die Berichterstattung aus dem Irak-Krieg durch Iraker selbst oder durch Informationen von Oppositionellen in autoritären Staaten.
Natürlich sind bei weitem nicht alle Beiträge auf Webseiten der Generation 2.0 qualitativ hochwertig. Entscheidend sind sogenannte Peer-Reviews. Dabei handelt es sich um Bewertungen durch Personen aus der gleichen Interessengruppe. Je mehr Nutzer einen Beitrag als aussagekräftig empfinden und diesen positiv kommentieren, desto glaubwürdiger wird er eingestuft. Dieser Aspekt der Bewertung von Aussagen und Personen ist der Kern dessen, was unter „sozialem Netz“ verstanden wird.

Erfahrungsberichte anderen zur Verfügung stellen

Kommerziell genutzt werden Web 2.0-Interaktionsformen etwa bei Websites zur Unterstützung von Kaufentscheidungen oder von Reiseplanungen. Interessierte können von den Erfahrungen anderer profitieren, um etwas über die Glaubwürdigkeit der Verkäufer oder den Nutzen der Waren zu erfahren. Vor diesem Hintergrund versteht man unter einem Web 2.0-Angebot:

• Online-Dienste, die sogenannte „Rückkanäle“ anbieten, durch welche die Nutzer unkompliziert Daten und Informationen an den Dienst zurücksenden oder dort direkt online stellen können;

• die Daten werden über den Dienstöffentlich angeboten;

• andere Nutzer können diese Daten bewerten, kommentieren oder erweitern;

• die Glaubwürdigkeit eines Inhalts steigt durch die Häufigkeit und den Grad der Zustimmung der anderen Nutzer („Soziales Netzwerk“).

Neue Öffentlichkeit und Einbindung in kommunale Arbeitsabläufe

Für Kommunen sind insbesondere die Entstehung einer neuen Öffentlichkeit und die aktive Einbindung der Öffentlichkeit in Arbeitsabläufe der kommunalen Behörden attraktiv. Das Hauptaugenmerk liegt dabei insbesondere auf denjenigen Nutzern, die auch bei sonstigen Web 2.0-Angeboten bereit sind, aktiv Daten beizusteuern.

Der Anteil derer, die aktiv Informationen einstellen, schwankt zwischen 40 Prozent der Nutzer von Fotoportalen und etwa zehn Prozent der Personen, welche die Enzyklopädie Wikipedia besuchen. Der „harte Kern“ der aktivsten Informationseinsteller liegt bei etwa zwei bis drei Prozent der Anwender. Die gezielte Mobilisierung von lokalen Content-Produzenten über dieses Aktivitätslevel hinaus ist aber für Kommunen besonders interessant, weil dadurch qualitative Mehrwerte für die Öffentlichkeitsarbeit, die Imageaufwertung sowie für die Unterstützung bei der Erbringung von Dienstleistungen der Kommunen entstehen.

Neue Form der Öffentlichkeit durch Web 2.0

Durch die Nutzung von Web 2.0 entsteht eine neue Öffentlichkeit. Sie hat zwei besondere Merkmale. Erstens lassen sich die herkömmlichen Beteiligungs- und Partizipationsformen kostengünstiger und effizienter gestalten. Zweitens bringen sie zusätzliche Formen der politischen Beteiligung hervor. So haben Köln, Freiburg und Hamburg sehr positive Erfahrungen mit einem „Bürgerhaushalt 2.0“ gemacht, also der Diskussion des Bürgerhaushaltes über Online-Tools. Auch in der Bildungspolitik existieren gelungene Beispiele, wie Lehrer, Eltern und Schüler gemeinsam auf einen Online-Dienst zugreifen und – über mehrere Schulen hinweg – qualitative Inhalte bereitstellen. Neue Formen des Journalismus oder gar der Kulturpolitik sind in der Erprobung, bei denen engagierte Leser wichtige Zeitdokumente beitragen oder sich um lokales Kulturgut und Kulturveranstaltungen kümmern. Ein Beispiel ist die Spiegel-Online-Rubrik „Eines Tages“. Auf diese Weise lassen sich die vorhandenen und die noch unentdeckten Möglichkeiten der Entstehung neuer Formen von Öffentlichkeit unterstützen. Erfahrungen aus verschiedenen Projekten haben gezeigt, dass Web 2.0-Angebote zwar nicht das Interesse der Bürgerschaft an politischer Partizipation an sich steigern, aber dass die Intensität und Qualität der Beteiligung und der Beiträge über das Medium Internet deutlich höher sind als früher. Immer mehr Mandatsträger berichten, dass sie ihren Wahlkampf mit Hilfe des Internets führen. Es besteht dabei die Chance, sich gerade durch die Anwendung von Web 2.0-Angeboten als besonders modern und bürgernah darstellen zu können.

Ein Blick auf die Auseinandersetzung zwischen Barack Obama und Hillary Clinton um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten in den USA zeigt sowohl die Potenziale als auch die Gefahren eines auch online geführten Wahlkampfes. Möglich sind schnelle Diskussionen und Schlagabtausche, unsteuerbare Blogs und Foren, Online-Stellen von Video- und Audiodateien jenseits ihrer Präsenz auf Wahlkampfveranstaltungen und in den Printmedien. Die Nutzung des Internets erweitert die Reichweite sowie die Intensität des Wahlkampfes und bringt neue Maßstäbe politischer Glaubwürdigkeit hervor.

Einbindung der Bürger in Arbeitsabläufe der Kommune

Neben einer neuen Öffentlichkeit sind die Web 2.0-Angebote eine gute Möglichkeit, die Öffentlichkeit in Arbeitsabläufe der Kommune einzubinden und auf diese Weise Informationen und Kenntnisse durch die Bürger zu erhalten. Ein bekanntes Beispiel ist das englische Projekt „Fix-my-street“, bei dem Bürger auf einer Website Mängel, Probleme oder einfach nur Auffälligkeiten in der Infrastruktur ihres lokalen Lebensumfelds melden können. Aufgrund dieser Hinweise kann eine Kommune viel zielgerichteter den Schaden beheben lassen als im Rahmen turnusmäßiger Kontrollen. Denn es ist einfacher und schneller, zu einer von einem Bürger gemeldeten defekten Straßenlaterne direkt zu fahren und diese zu reparieren, als das gesamte Straßennetz nach Defekten abzufahren.

Dieses Projekt gilt als Erfolg und zeigt, dass Bürger sehr wohl bereit sind, die Kommune zu unterstützen und lokale Informationen einzubringen. Wenn – wie in diesem konkreten Fall – der Rückmeldekanal intuitiv und ohne umfangreiche Computerkenntnisse zu handhaben und keine gesonderte Anmeldung erforderlich sind, dann sind die Bürger eher geneigt, eine Meldung zu machen, als wenn sie anrufen oder gar einen Brief schreiben müssten. Aus Prozesskostensicht ist auch die Sammlung der Meldungen über einen solchen spezialisierten Kanal kosteneffizienter als parallel durch Telefon, Brief und die turnusmäßigen Vor-Ort-Befahrungen. Wenn die Mängel zudem zeitnah behoben werden können, erhöht sich auch die Zufriedenheit der Bürger, da sie selbst zur Behebung beigetragen haben. Das erzeugt das Gefühl von Teilhabe und ernst genommen zu werden.

Dieses einfache Beispiel aus einem Bereich der Infrastrukturpolitik zeigt, welche Potenziale in Web 2.0-Angeboten stecken, die bisher nicht oder nur annähernd realisiert wurden. In Anwendung oder Entwicklung sind auch Web 2.0-Angebote für lokale Sicherheit oder Nachbarschaftsschutz, Quartierentwicklung oder Kulturpolitik. Bei internen Prozessen wie die Personalgewinnung greifen viele Personalverantwortliche ebenfalls auf das Web 2.0 als Informationsquelle über die Bewerber zurück. Hier werden Selbstdarstellung und Bewertungen durch Dritte zu zusätzlichen Quellen der Einschätzung. Darüber hinaus gibt es Web 2.0-Angebote für geschlossene Nutzerkreise, etwa von Mandatsträgern einer Region für regionale Politik- und Aushandlungsprozesse.
Auf Webseiten, mit möglichen Namen wie meineverwaltung.de, meinekommune.de, unserenachbarschaft.de könnten bisherige Angebote von Kommunen und Behörden integriert und durch Funktionen wie persönliche Profile von Politikern und Bürgern sowie Kommunikations- und Informationsaustauschinstrumente ergänzt werden. Auf diesem Wege würden neue Kanäle entstehen, um neben der Regelung von Verwaltungsangelegenheiten auch in einen unmittelbaren Meinungsaustausch mit den Bürgern zu treten, um gemeinschaftlich Lösungen für die Probleme der Kommune oder zur Organisation ehrenamtlichen Engagements zu finden.

Potenziale von Web 2.0 für die Kommunalpolitik

Zwar werden im Internet bisher keine Wahlen gewonnen, doch ohne Onlinepräsenz ist heute Politik kaum denkbar. Behörden und Parteien sind schon seit geraumer Zeit mit eigenen Service- und Informationsangeboten im Netz vertreten. Immer mehr Politiker verfügen über eine eigene Webseite. Auch Chats mit Politikern und Blogs, sowohl von Politikern als auch von engagierten Bürgern, sind keine Seltenheit mehr. Doch schon bei Angeboten wie Pod- und Vodcasts wird die Anzahl der Webseiten überschaubar.
Ein wichtiger Grund für die vergleichsweise geringe Nutzung des politischen Potenzials des Internets ist sicherlich die Ernüchterung vieler Politiker und Bürger im Umgang mit den bestehenden Angeboten. Während Politiker immer noch vorwiegend auf die vermeintlich reichweitenstärkeren klassischen Print- und Rundfunkmedien setzen, ärgern sich Bürger über veraltete Informationen auf ungepflegten Politikerwebseiten und komplizierte Benutzeroberflächen der Onlineangebote von Behörden. Hinzu kommt die Enttäuschung beim Vergleich des realen Nutzens von Internetangeboten mit den oftmals übermäßig optimistisch angepriesenen Möglichkeiten des scheinbar unbegrenzten World Wide Web.

Gerade bei regionalen Angeboten werden Webseiten mit Informationen zu Freizeitangeboten in der Region, Bürgerinformationen wie Adressen und Öffnungszeiten von Ämtern, regionale Informationen zu Wetter und Verkehr sowie Einkaufsmöglichkeiten besonders häufig genutzt. Interessanterweise werden diese Webseiten im Gegensatz zu vielen Web 2.0-Angeboten in gleicher Weise von Jung und Alt in Anspruch genommen.

Wie so häufig liegt die Wahrheit auch beim Potenzial des Web 2.0 für die Politik zwischen den Extremen. Das Internet ist auch als Web 2.0 kein Selbstläufer, doch bietet es zahlreiche Möglichkeiten, deren Ausschöpfung durchaus realen Nutzen in der politischen Praxis bringt. Als Wegweiser gilt hier, dass vor allem die Verbesserung und der Ausbau bestehender Kommunikationskanäle und Leistungen mit Hilfe der Web 2.0-Angebote im Vordergrund steht. Hier ist durchaus Fantasie gefragt, denn die Potenziale des Web 2.0 für die Kommunalpolitik sind bei Weitem noch nicht ausgeschöpft.

Web-2.0-Projekt des Innovators Club des DStGB

Der vom Deutschen Städte- und Gemeindebund initiierte Innovators Club für Verwaltungmodernisierung (www.innovators-club.de) möchte die Fantasie für Web-2.0-Angebote für Kommunen weiter anregen. Dafür wird er im Sommer dieses Jahres ein Handbuch herausgeben, in dem Nutzungspotenziale des Web 2.0 für Kommunen und Kommunalpolitik zusammengestellt und diskutiert werden. Den Maßstäben „neuer Öffentlichkeit“ entsprechend werden die Inhalte in einen öffentlich zugänglichen Wiki eingestellt und weiterentwickelt. Um es abschließend auf den Punkt zu bringen: Ja! Web 2.0 ist ein Thema für die Kommunalpolitik.


Links zu Web-2.0-Beispielen:



von Andreas Huber

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