Wie können Bürgerinnen und Bürger die Inhalte des örtlichen Stadtarchivs mit gestalten, die Stadthistorie mit eigenen erlebten Geschichten vervollständigen und mit persönlichen Erinnerungen versehen? Für die Einwohner der Stadt Coburg seit Kurzem kein Problem mehr. Mittels Web 2.0 -Technologien wird den Coburgern die direkte Mitgestaltung ihres neuen Stadtarchivs ermöglicht. Auf der eigens dafür vorgesehenen Internetplattform ist es möglich, die Inhalte des Stadtgedächtnisses aktiv mitzubestimmen und eigene kleine Bildarchive und individuelle Geschichten mit einzubringen. Die genaue Umsetzung des innovativen Projektes stellte Karin Engelhardt, Onlinemanagerin der Stadt Coburg, in einem durch das „Netzwerk Zukunftsstädte“ initiierten multimedialen Online-Vortrag vor.
Mit dem Gesamtprojekt „Wir@Coburg“ verfolgt die Stadt Coburg bereits seit rund drei Jahren eine umfangreiche E-Government-Strategie. Eine Pflegeplatz- und eine Freiwilligenbörse oder das Stadtratsfernsehen sind nur einige der vielseitigen E-Government Projekte, die derzeit in Coburg Anwendung finden. Das preisgekrönte digitale Stadtgedächtnis ist dabei das aktuellste Verwaltungsmodernisierungsprojekt und damit die neueste Entwicklung hin zu speziellen „eCity Anwendungen“, die möglichst viele direkte Vorteile für den Lebens- und Wirtschaftsstandort Coburg nach sich ziehen sollen.
Offiziell gestartet wurde das Projekt „Wir@Coburg“ bereits im Jahr 2008 mit der Einführung einer digitalen Pflegeplatzbörse, die sowohl die Aufführung und Beschreibung als auch den genauen Standort von freien Pflegeplätzen umfasst. Kurz darauf folgte eine Freiwilligenbörse, die es all denjenigen, die sich gerne in und um Coburg freiwillig engagieren wollen, ermöglichen soll, eine geeignete Tätigkeit für ihr freiwilliges Engagement zu finden. Die Möglichkeiten des Freiwilligenengagements reichen auf dem Portal von Besucher- und Betreuungsdiensten über Fahrdienste hin zur Hospizarbeit. Das Stadtratsfernsehen liefert den Coburger Bürgern wiederum seit rund einem Jahr einen detaillierten Einblick in die Abläufe und Arbeitsprozesse des Stadtrats. Nach jeder Sitzung werden kurze Filmbeiträge und Interviews, die die Inhalte der Sitzungen kurz thematisch zusammenfassen, für den Besucher der Seite zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus plant die Stadt weitere digitale Börsen und Plattformen.
Das „Digitale Stadtgedächtnis“ wurde von Karin Engelhardt vor kurzem in einem rund 30-minütigen Online-Vortrag dargestellt. 20 Teilnehmer folgten der Einladung des Netzwerk Zukunftsstädte und nutzten die effiziente Möglichkeit der Kommunikation über die neuartige Methode der Online-Konferenz. Durchgeführt wurde sie mit Hilfe des Kommunikationstools WebEx©. Vorab erhielten alle angemeldeten Teilnehmern einen Link, der sie automatisch auf die Startseite weiterleitete. Anschließend bekamen die Beteiligten die Möglichkeit, sich parallel zum Powerpoint-ähnlichen Vortrag am Bildschirm in die dazugehörige Telefonkonferenz ein zu wählen und somit den Beiträgen der Online-Managerin zu folgen.
Das deutschlandweit einmalige Projekt des „Digitale Stadtgedächtnis“ wurde in Berlin Anfang September 2009 als diesjähriger Sieger beim neunten E-Government-Wettbewerb von BearingPoint und Cisco ausgezeichnet. In der Kategorie „Next Generation Service“ erreichten die Coburger mit ihrem innovativen Projekt den ersten Platz.
Wie Engelhardt anhand der in die Online-Konferenz implementierten Powerpoint-Präsentation anschaulich darstellte, setzt sich das digitale Stadtgedächtnis dabei aus mehreren Komponenten zusammen. Der Besucher der Internetseite kann sowohl die eigene Stadtgeschichte erforschen als auch zahlreiche vergangene Ereignisse entdecken und aus seiner eigenen Geschichte erzählen. Um historische Nachforschungen anzustellen, werden Fakten aus der Coburger Stadtgeschichte in Form kurzer Einträge auf einem interaktiven Zeitstrahl dargestellt. Anhand des Zeitstrahls erhält der Besucher somit einen Einblick in sämtliche geschichtliche Ereignisse eines ausgewählten Jahres. Auf einer interaktiven Stadtkarte werden wiederum die Einträge des Zeitstrahls verortet. Ein virtueller Gang führt damit Ereignis und Ort des Geschehens für den Besucher zusammen. Zudem erhalten die Coburger über eine benutzerfreundliche Eingabemaske die Möglichkeit, ihre eigenen Erinnerungen und Geschichten in das „Digitale Stadtgedächtnis“ einfließen zu lassen.
Vor allem die individuellen Erlebnisse und Erzählungen lassen die Coburger Geschichte lebendig werden und machen sie für jedermann anschaulich. Durch die verschiedenen Geschichten aller Generationen kann so eine nahezu vollständige Coburger Stadthistorie rekonstruiert werden, erklärte Engelhardt. Ergänzt werden die Berichte durch multimediale Inhalte in Form von zahlreichen Filmbeiträgen, Fotos und anderen Dokumenten, die es ermöglichen, die dokumentierte Geschichte für den Besucher noch greifbarer zu machen. Auch der Geschichtsunterricht in den Coburger Schulen solle langfristig mit Hilfe des digitalen Stadtgedächtnisses lebendiger und verständlicher gestaltet werden, stellte Engelhardt im Rahmen ihres Vortrages zu den weiteren Zielen des Projektes dar. Zudem wolle man gerade die Jugend wieder mehr für die Geschichte begeistern und über das Projekt das Interesse an einem Museums- oder Archivbesuch wecken.
Das digitale Stadtgedächtnis verstehe sich dabei auch als eine Art vernetzender Multiplikator, sagt Engelhardt. Letztlich werde vor allem der Austausch unter den verschiedenen Generationen gefördert und das Prinzip, dass diese voneinander lernen, in vollem Umfang ausgeschöpft. So werde insbesondere der generationsübergreifende Zusammenhalt der Coburger gestärkt.
Für eine gelungene Umsetzung des innovativen Projektes arbeitete das Projektteam mit zahlreichen Kooperationspartnern zusammen. Das Stadt- und Staatsarchiv, die Landesbibliothek sowie die Historische Gesellschaft seien nur einige der Partner, die ihre Ideen mit in das digitale Stadtgedächtnis haben einfließen lassen, so Engelhardt.
Nachdem die Online-Verantwortliche die Coburger Projektvielfalt durch ihren Online-Vortrag veranschaulicht hatte, erhielten die Teilnehmer die Möglichkeit, per Chat oder direkt innerhalb der Telefonkonferenz Rückfragen an Frau Engelhardt zu richten. Gloria Heymann, Wirtschaftsförderin der Stadt Zittau, interessierte sich für die allgemeine Reaktion der Bürger zu dem Projekt des digitalen Stadtgedächtnisses. Die Resonanz sei durchweg positiv, erklärte Engelhardt. Die Bürger würden das Angebot sehr rege nutzen und gerade ältere Zeitzeugen würden sich melden und ihr Wissen weitergeben wollen. Im Herbst werde man dann noch weitere Teilprojekte zum digitalen Stadtgedächtnis in Form von einzelnen Schulprojekten oder einem Projekt zu einem Mehrgenerationenhaus starten. Dann rechne man erneut mit einem Schub an Aufmerksamkeit, so Engelhardt.
Was andere Kommunen und deren Verwaltungen aus diesem Projekt lernen könnten, wollte Andreas Huber, Berater im öffentlichen Sektor, im Rahmen der Fragerunde wissen. Ein Projekt dieser Art bedürfe einer langen und exakten Vorbereitung, so Engelhardt. Gerade die Aufarbeitung und die Arbeit mit historischen Daten sei nicht einfach, weswegen man grundsätzlich auf viele Kooperationspartner angewiesen sei. Das müssten auch andere Kommunen bei der Umsetzung solch neuartiger Projekte berücksichtigen.
Einen Teilnehmer interessierte gerade mit Hinblick auf das Interesse anderer Kommunen und deren möglicher Suche nach einem geeigneten Wirtschaftspartner, ob das Unternehmen, mit dem das Projekt gemeinsam durchgeführt wird, ein lokales oder ein überregionales Unternehmen sei. Aufgrund der Komplexität des Projektes hätte man von lokalen Unternehmen leider ausschließlich Absagen erhalten. Man habe letztlich mit einem Nürnberger Technologieunternehmen einen geeigneten Implementierungspartner gefunden, erklärte Engelhardt.
Der DStGB wird die Reihe der Online-Vorträge voraussichtlich Anfang nächsten Jahres mit dem Thema „Kulturwirtschaft und Kommunen“ fortsetzen.
Weitere Informationen:
Homepage "Digitales Stadtgedächnis"
Homepage der Stadt Coburg
Vortrag "Digitales Stadtgedächtnis" von Karin Engelhardt (PDF-Dokument, 5 MB)
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27.01.2011, Berlin | Neustart Kommune - 7. WirtschaftsWoche Jahrestagung [Details]